Die einstige „Grande Rue“ lebt wieder auf

17.12.2010

Der Heuwaag- und Goethestraße ist ein intensiver Blick auch hinter die ansehnlichen Fassaden gewidmet

Mit freundlicher Genehmigung der Erlanger Nachrichten

ERLANGEN  - Städtische Strukturen, also Straßen, Plätze und Gebäude, verstehen zu wollen, geht in der Erlanger Zentralstadt nicht, wenn man nicht die ursprüngliche Idee ihrer Planer versteht. Denn Erlangen ist schon vor dem (Alt-)Stadtbrand im Jahr 1706, genauer: seit 1686, eine auf dem Reißbrett geplante Stadt, deren ursprüngliche Symmetrie um eine Mitteachse, die „principale Rue“, heute noch in Teilen erkennbar ist.

Der Erlanger Stadtarchivar Andreas Jakob hat nun der wichtigsten Nord-Süd- und Ost-West-Achse, der Goethe- und der Heuwaagstraße, ein reich bebildertes Büchlein gewidmet, das Stadtgeschichte im Wortsinne (be-)schreibt, stellt es doch das Detail ins große Umfeld, sucht es die Belege für den großen Wurf auch im Kleinen.

Jakob, selbst Historiker, gibt sich in seiner Darstellung der Entwicklung der Erlanger Planstadt vom Entwurf des thüringischen Baumeisters Johann Moritz Richter bis zur heutigen Stadtplanung durchaus unbescheiden und attestiert der Stadt eine Bedeutung, die an heute noch viel bekanntere Maßnahmen heranreicht. Der Archivoberrat entdeckt in Erlangen „ein reiches geschichtliches Profil, wie es in der Vielfalt fränkischer Städte ohne Beispiel ist“ — eine Sichtweise, die sich nach langen Jahren der Reserviertheit heute auch die offizielle Selbstdarstellung der Stadt angeeignet hat.

Lange Geschichte

Der langen Geschichte der Straße, ihrer baulichen und gestalterischen Entwicklung, ist der tragende Aufsatz des reich bebilderten Bandes gewidmet, ein Aufsatz, der auch ganz unfreiwillig mit dem Vorwort kontrastiert. In diesem greift Oberbürgermeister Siegfried Balleis die — aus historischer Sicht eher „kurzfristigen“ — Probleme auf, die die Stadt mit der Straße und die Bewohner dieser Straße mit dem Rest der Stadt haben. Der Aufsatz Jakobs seinerseits zeigt, dass die Straße „historisch“ eine ganz andere Funktion hatte, eher dem „Nahverkehr“ und der Repräsentation in der Innenstadt diente, nicht aber Einfallstor für den Verkehr aus dem Umland war.

In zahlreichen Beispielen einzelner Gebäude arbeitet Jakob die Besonderheiten der barocken Planstadt und ihrer Baudenkmale heraus, zeigt kuriose und spannende Einzelbeispiele und Kontinuitäten. Er widmet sein „Nachwort“ aber auch den heutigen Bewohnern, die er quasi ermuntert, ihre Straße(n) trotz (oder wegen?) der langen Geschichte nicht als Museum zu begreifen. Gleichwohl ist er davon überzeugt, dass das Festhalten am ursprünglichen Charakter der Straßen heute deren Überlebenschance darstellt.

Andreas Jakob (Hrsg.), Die Heuwaag- und Goethestraße in Erlangen, Tümmel-Verlag Nürnberg

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