Die Neustadt Erlangen (1686 - 1812)

  • Die 1686 südlich der Altstadt Erlangen gegründete, auch als Hugenottenstadt bezeichnete Neustadt ist eine der heute am besten erhaltenen barocken Planstädte in Deutschland und als solche ein Denkmal von europäischem Rang.
  • Ihre Wurzeln entspringen nicht der fränkischen Stadtlandschaft,
    • in der sie mit ihrem strengen Straßenrastersystem und den schnurgeraden Straßen- und Platzfronten der schlichten Reihenhäuser eher wie ein Fremdkörper wirkt.
    • sie liegen vielmehr in städtebaulichen Idealvorstellungen, die in verschiedenen europäischen Ländern gleichzeitig entwickelt wurden.
  • Seit dem 16. Jahrhundert entstanden u.a. in Frankreich, Italien, Dänemark, den Niederlanden regelmäßig angelegte Städte, in Deutschland etwa Mannheim, Hanau, Freudenstadt, Kassel oder Karlsruhe. Treibende Kräfte waren in jedem Fall die Landesherren, die mit den Planstadtgründungen verschiedene Ziele verfolgten.
    • Insbesondere der Wunsch, zur Förderung der eigenen Wirtschaft Fachkräfte ins Land zu holen und eine Gewerbe- und Handelsstadt zu etablieren, ließ sich in den protestantischen deutschen Staaten nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges relativ einfach verwirklichen, da als Folge der verbreiteten konfessionellen Intoleranz Glaubensflüchtlinge in großer Zahl vorhanden waren.
    • Auch Markgraf ==Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth bemühte sich, wohlhabende oder wirtschaftlich tüchtige Hugenotten anzuwerben und in der kleinen Neustadt anzusiedeln, die er zu diesem Zweck südlich des Ackerbürgerstädtchens Erlangen gründete (==Essay: Hugenottenstadt).
  • Dieses befand sich zwar fern der Hauptstadt in einer vom bambergischen bzw. nürnbergischen Gebiet umschlossenen Exklave seines Fürstentums, lag aber günstig an einer Handelsstraße in der Nähe der Reichsstadt. Da die wirtschaftliche Grundlage der künftigen Stadt durch die neuen Untertanen gewährleistet schien, konnte Christian Ernst hier städtebauliche Idealvorstellungen verwirklichen. Denn in Erlangen und andernorts spiegelte die augenfällige Symmetrie und Ordnung der Stadtgrundrisse die von den absolutistischen Landesherren garantierte Ordnung des Staats, der sich der einzelne Untertan zu unterwerfen hatte.
  • Ähnlich wie in dem 1515 von Thomas Morus verfassten Staatsroman "Utopia", in dem die Bevölkerung in völlig gleich angelegten Städten lebt, verkörperten die Plan- oder Idealstädte immer ein Stück Gesellschaftsutopie. Ihre Ordnung, Regelmäßigkeit und Einheitlichkeit besaß einen hohen ästhetischen Wert. Bis ins 19. Jahrhundert rühmten Zeitgenossen Erlangen als eine der "schönsten Städte" in Deutschland, bevor aufgrund gewandelter Idealvorstellungen seine Anlage und die Absichten seiner Schöpfer nicht mehr verstanden und es als ==Stadt der freundlichen Langeweile abgestempelt wurde.
  • Mit dem Bau einer solchen Stadt, die auch die Leistungsfähigkeit des Staats unter Beweis stellte, setzte sich der Gründer nicht zuletzt ein Denkmal: 1701–1812 hieß die Neustadt auch "Christian Erlang".
    • Ausschlaggebend für ihr Verständnis ist auch heute noch der Idealentwurf des Baumeisters Johann Moritz ==Richter von 1686,
      • der eine rechteckige Anlage mit zwei ungleich großen Plätzen zeigt.
        Symmetrieachse ist die zur Hauptstraße aufgewertete begradigte alte Landstraße nach Nürnberg.
      • Während bei älteren Planstädten die teilweise hochkomplizierten Festungssterne die Stadtgestalt charakterisierten, ging ihre Entwicklung seit Gründung der Erlanger Neustadt 1686 und dem hessischen (Bad) Karlshafen 1699 zu unbefestigten Anlagen mit detailliert festgelegten Straßenzügen und einer reglementierten Bebauung über, welche die Einheitlichkeit des Grundrisses vollenden sollte.
        • Die Ausbildung eines geometrischen Mittelpunkts wurde in Erlangen zugunsten einer harmonischen Stellung der in ein strenges Rastersystem eingebundenen Baublöcke zueinander vermieden.
        • Der für Erweiterungen im Prinzip offene Kernbereich innerhalb der umschließenden Ringstraße (Grande Rue) erhielt seine Stabilität und endgültige Gestalt durch die nur an wenigen Stellen geöffnete Front der an ihrer Außenseite errichteten Reihenhäuser, die in den Ecken scharnierartig aneinander stießen.
        • Jede Änderung der bis ins Detail festgelegten, für die Praxis mitunter problematischen Idealplanung musste Konsequenzen für das Ganze haben. Eine Folge war auch der Zwang zur Vollendung, d.h. Baulücken wären als Fehlstellen aufgefallen und hätten den Gesamteindruck des Stadtbilds gestört.
        • Die immer noch unübersehbare Einheitlichkeit der Anlage verhindert, dass sich die Feinheiten der Planung dem heutigen Betrachter ohne weiteres erschließen. Erst mit dem Maßband wird etwa das Verhältnis 2 : 1, in dem die Principale Rue (Hauptstraße) zu den Ruelles bzw. die Grande Rue (Ringstraße) zu den unbenannten Gässchen stehen, deutlich. Auch ist der Hugenottenplatz, wenn man die Breite der Ringstraße abzieht, exakt halb so groß wie der große Platz (Schloss-/Marktplatz). Dies sind jedoch nur einige Kennzeichen des auf den ersten Blick sehr einfachen, vermutlich aber nach dem "Goldenen Schnitt" konstruierten, überaus komplexen Plans, der sich insgesamt als Meisterleistung barocker Stadtplanung erweist.
        • Die gebaute Harmonie im Verhältnis von Länge eines Straßenabschnitts, Breite der Straße und Höhe der Häuser lässt sich etwa am sog. ==Richterschen Eck in der Heuwaag-/Goethestraße nachvollziehen.
        • Die Symmetrie und Regularität des Idealplans, dessen Struktur durch die geschlossene Randbebauung der Baublöcke Dreidimensionalität erhielt, sollte im Straßenbild durch die Architektur umgesetzt werden.
        • Vorgesehen waren an den Hauptfronten der Plätze und entlang der Hauptstraße drei-, in den Außenbereichen aber zweigeschossige, jeweils in sich symmetrisch gegliederte Reihenhäuser, deren Fensterreihen sowie Trauf- und Firstlinien sich im Nachbarhaus fortsetzten.
        • Durch ==Richthäuser oder flache Risalite entstand eine wirkungsvolle Akzentuierung und Rhythmisierung der wichtigsten Straßenzüge.
        • Im Interesse der übergeordneten Einheitlichkeit des ganzen Baublocks sollte das einzelne Haus weitgehend auf Individualität und Zierformen verzichten. Trotz mancher Änderungen und Abstriche – kein Haus gleicht dem anderen im Detail völlig, v.a. bei Tür- und Fensterrahmen gab es eine Fülle von Varianten – wurde denn auch die Einheitlichkeit der gesamten Stadtanlage in erstaunlichem Umfang erreicht. Dabei entsprach sie eher den Vorstellungen der Obrigkeit als denen der Bürger, die sich aber umso leichter nach den Vorschriften richten konnten, als ihnen häufig Bauplatz und -materialien kostenlos zur Verfügung und für den Hausbau langjährige Steuerfreiheit in Aussicht gestellt wurden.
  • Die Realisierung des schließlich sogar mehrfach erweiterten ersten Idealgrundrisses erstreckte sich über Jahrzehnte und war von zahlreichen Rückschlägen begleitet.
  • Nach der Grundsteinlegung der ==Hugenottenkirche am 14.7.1686, mit der der Bau der Neustadt begann, konnten binnen Jahresfrist ca. 50 der vorgesehenen ungefähr 200 Häuser errichtet werden. Zu diesem Zweck hatte der Markgraf Maurer und Zimmerleute aus anderen Städten seines Landes nach Erlangen befohlen. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, aber auch weil die Hugenotten zum größten Teil die an sie bezüglich des Hausbaus gerichteten Erwartungen nicht erfüllten, stagnierte das Projekt dann aber bis 1698 fast vollständig. Erst durch den Bau des ==Schlosses und der Entwicklung der Neustadt zur ==Residenzstadt mit einem riesigen ==Schlossgarten, ==Orangerie, ==Wasserturm, ==Redoutenhaus und ==Markgrafentheater wurde ihre Existenz dauerhaft gesichert, dabei allerdings die Stadtgestalt von 1686 wesentlich verändert. Mehrere Adelsfamilien errichteten sich ==Palais in der Neustadt, in der 1701 auch eine kurzlebige ==Ritterakademie eröffnete.
  • Die Altstadt wurde beim Wiederaufbau nach dem großen Brand von 1706 mit einem ähnlichen Haustypus und auf zum Teil radikal begradigtem Grundriss formal an das Rastersystem der Neustadt angeschlossen. 1720 erreichte diese mit der Verlegung der Ostgrenze auf die Abschlusslinie des Schlossgartens ihre endgültige Ausdehnung, nachdem bereits um 1700 eine Erweiterung nach Süden bis zum ==Nürnberger Tor sowie nach Osten bis zur Fahrstraße erfolgt war.
  • Mit der Erhebung der Schwesterstädte zur gemeinsamen 6.==Landeshauptstadt und der Errichtung einer ==Amtshauptmannschaft 1708 ging die Gründungsphase der Neustadt in eine Zeit des steten Ausbaus über.
  • Zwischen 1723 und 1752 stieg die Zahl der Gebäude von 251 auf 455, die der Einwohner von 3182 auf 5901, bevor eine lange Phase der Stagnation einsetzte.
  • Längst hatten lutherische, deutsch-reformierte und später auch katholische Zuwanderer, deren Kirchen heute noch die konfessionelle Vielfalt in Erlangen bezeugen, die Hugenotten zahlenmäßig übertroffen. Wichtig erst für die künftige Entwicklung der Stadt war 1743 die Gründung der lange Zeit an Bedeutung hinter den blühenden Gewerben zurückstehenden Friedrich-Alexander-Universität, die sich bis ins 19. Jahrhundert weitgehend mit bereits vorhandenen Gebäuden begnügen musste (==Essay: Universität).
  • Die eigenständige Geschichte der Neustadt endete 1812 durch die Vereinigung mit der Altstadt Erlangen.
  • Heute wird sie gerne als Hugenottenstadt bezeichnet oder zur historischen Innenstadt gerechnet und der Begriff Neustadt nur auf die nach 1945 entstandenen Stadtteile bezogen.